Die österreichischen Bischöfe haben vor kurzem einen Text zur Neuevangelisierung veröffentlicht. Da Anfang Juni ein ‘Bloggertreffen’ in Freiburg zu diesem Thema stattfindet, habe ich mir den Text heruntergeladen (gibt es als PDF hier) und durchgelesen.
Wie lautet die alte Sandwich-Regel beim Feedback: Gut – schlecht – gut
Offizielle Dokumente von Kirchens sind ja nicht unbedingt immer und alle sooo spannend und interessant formuliert. (Mir zu) oft wird eine Sondersprache gesprochen, die mit dem Idiom von Menschen, die mir in der Schule oder an anderen Stellen des Real Life begegnen, nur sehr überschaubare Schnittmengen aufweist.
Das österreichische Papier finde ich – für ein offizielles Dokument – sehr lesbar und worthülsenarm (wenn auch nicht -frei) formuliert.
Sehr gut gefällt mir der erste, grundsätzliche Teil, der – so finde ich – eine ziemlich realistische Situations- und Zielbeschreibung bietet. Dort steht z.B.
Kirche ist da, um zu Jesus Christus zu führen, um seine Frohe Botschaft zu verkünden… Sie selbst ist Werkzeug und Zeichen, aber nicht Selbstzweck. [2.1]
Das ist natürlich nichts Neues, aber manchmal scheint es mir etwas zu kurz zu kommen
Was wir verkünden, müssen wir auch leben. Es geht um ein Bezeugen der Liebe Gottes. Das beeinhaltet Aufmerksamkeit und Sensibilität für die gegebenen Umstände, für die konkreten Menschen, für die jeweilige Situation, für aktuelle Erfordernisse. In ihnen spricht Gott zu uns. [2.2]
Das ist für mich Jesus-Nachfolge. Das ist das Kerngeschäft des Christentums.
Eine individualisierte Gesellschaft erwartet ein möglichst individuelles Eingehen auf den Einzelnen, auf seine Situation, auf seine Biographie, die oft nicht mehr so geradlinig ist, wie man es vielleicht in früheren Zeiten gewohnt war. Eine pluralistische Gesellschaft erfordert eine Pluralität in der Verkündigung… [4.2]
Ja, sehe ich auch so. Deswegen finde ich ‘Weltkatechismen’ und ähnliche Teile auch immer etwas schwierig…
Gefordert wird,
…eine Sprache zu entwickeln, die auf die Erfahrungswelt der Menschen von heute eingeht und zugleich der christlichen Botschaft treu bleibt. [4.2]
Das ist aus meiner Sicht nur sehr selten der Fall. Die Folge:
Die ‘klassischen’ Orte und Gelegenheiten der Verkündigung verlieren an Bedeutung, kirchliche Orte und Angebote werden weniger gesucht, religiöse Gewohnheiten weniger gepflegt. Was man früher nur zu veranstalten brauchte, muss man heute intensiv bewerben und fördern. [4.4]
Dann kommt die Sache mit dem Dialog:
Menschen sind gewohnt, gefragt zu werden und mitzureden. Sie haben Ansichten, Meinungen, Fragen, Zweifel – und artikulieren diese oft sehr direkt. Es ist wichtig, dem Raum zu geben, den Dialog zu suchen – sowohl bei außerkirchlichen wie innerkirchlichen Fragen -, wertschätzend, klar und profiliert. [4.5]
Wertschätzend… Denk ich an München oder Augsburg in der Nacht…
Wichtig ist einerseits, entsprechend dem, was die Kirche sagt, argumentativ auskunftsfähig zu sein, andererseits die tatsächliche Gewichtigkeit von Einzelfragen im Gesamt des Glaubens einordnen zu können; d.h. Differenzen zu benennen, aber nicht überzubewerten, wenn es darüber hinaus viel Gemeinsames gibt, das man mehr betonen sollte. [4.6]
1 Petr 3,15 und die Hierarchie der Wahrheiten; beides ist wichtig, wenn ich einen wirklichen Dialog führen möchte.
Leider nur selten zu hören, aber von großer Bedeutung finde ich auch die Analyse der innerkirchlichen Widersprüche:
Zu allen Zeiten bilden Christen selbst Hindernisse für die Verkündigung: wenn ihr Leben dem Glauben widerspricht, wenn sie selbst unsicher und kleingläubig sind, wenn sie (im Übereifer) im Streben nach einem ‘Erfolg’ andere instrumentalisieren, wenn sie die eigene Beziehung zu Gott vernachlässigen, wenn sie sich dem Frust hingeben, wenn sie miteinander streiten, wenn sie kleinlich und skrupulös sind… - All das sind Formen von Sünde, die von Gott trennen, die dem Evangelium und dem Vorbild Christi widersprechen und die Verkündigung behindern. Hier ist Ehrlichkeit, Umkehr, Neuorientierung aus den Quellen des Glaubens notwendig. [4.9]
Ich will ja hier nicht das ganze Dokument abschreiben, deshalb verweise ich hier nur auf die Abschnitte 5, 6 und 7, die ich für die besten Teile des Dokuments halte. Da geht es nicht um ‘Wir’ gegen ‘die Anderen’, sondern um zentrale Grundeinstellungen und -haltungen, ohne die keine Zukunft möglich ist.
Weniger gelungen finde ich den zweiten, ‘praktischen’ Teil. Hier wird deutlich, woher das Dokument stammt
Es werden ‘Zielgruppen’ beschreiben, die stark ‘klassisches katholisches Milieu’ abbilden, aber nicht aktuelle gesellschaftliche Untersuchungen (etwa die Sinus-Studie). Dann folgen ‘Anknüpfungspunkte’: ‘Alltag’, ‘Tätige Nächstenliebe’, ‘Pfarre’, ‘Seelsorgeräume – Pfarrverbände’… ‘Wallfahrten und Pilgerwege’, ‘Volksfrömmigkeit’, … ach ja, und da kommt etwas, das heißt ‘Schule’:
Hier begegnen einander gläubige und ungläubige, zweifelnde und suchende, pragmatische und desinteressierte Schüler/innen. Wie kann man aus dieser Situation das Beste machen? [9.11]
Leider wird die Frage nicht wirklich weiter verfolgt, denn es geht weiter, zu wichtigeren Anknüpfungspunkten, wie ‘Ausbildungsorte’,… ‘Präsenz’ [??? War Präsenz vorher nicht erforderlich?]…
Trotz des schwachen ‘praktischen Teils’ gefällt mir der Ansatz des Dokuments sehr gut. Die katholische Kirche ist von der Beweglichkeit her ja kein Jet-Boot, sondern eher ein sehr großer Öltanker. Dieses Dokument steuert in Richtung Zukunft
Tipp: Selber lesen, dann an die eigene Nase fassen (wo muss ich zunächst bei mir selbst anfangen) und dann in den Dialog einsteigen:
… freundlich, argumentierend; dialogisch, nicht ‘von oben herab’; motivierend, nicht vereinnahmend; begleitend, nicht beherrschend. [7.4]
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