Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Kirchliches’

Globalisierung des Papsttums

19. April 2013

Es gibt einige Brüder und Schwestern im Herrn, denen Benedikt XVI. ungeheuer gut getan hat. Er vertrat Positionen, die ihnen wichtig sind, er vertrat ‚ihre Kirche‘ in der Öffentlichkeit so, wie sie es für angemessen halten.

Und dann kam Franziskus. Erst kurzer Jubel, inzwischen eher Irritationen, z.T. auch Beiträge, die aus meiner Sicht völlig daneben und ziemlich unlustig sind. Der Papst – so mein Eindruck – ist für diese Art von Katholiken ungeheuer wichtig, toll, sakrosankt – solange er die eigenen Positionen vertritt. Macht er das, ist die Welt in Ordnung und alle anderen, die an der Position des Papstes auch nur ein bisschen rummachen, sind des Teufels, keine echten Katholiken ‚und überhaupt!‘ (die Komplexität der Argumentation ist meistens recht überschaubar).

Aber WEHE! Wehe der Papst trägt nicht irgendeinen Stofffummel, wenn er auf einen Balkon tritt. Und wehe er nimmt Rücksicht auf seine Gesundheit und kniet einmal zu wenig. Wenn so etwas mehrfach auftritt, dann kippt die blinde Papstverehrung (B16) schnell in sehr kritische, spitze oder auch trotzig-pampige Beiträge in den einschlägigen Blogs und Plattformen.

Interessante Reflexionen zu diesem Verhalten bietet ein sehr lesenswerter Beitrag von Christian Stoll in der IKaZ (Internationale Katholische Zeitschrift Communio): Abschied von Europa. Anmerkungen zur Globalisierung des Paptsttums, IKaZ 42 (2013), 287-293. Er ist als PDF-Datei offen verfügbar und kann hier heruntergeladen werden.

„Die ersten Gesten und Äußerungen des Papstes aus der ’neuen Welt‘ deuten… darauf hin, dass Franziskus das Selbstverständnis eines europazentrierten Christentums infrage stellen wird. Europäer, die ihre jahrhundertelange Pracht des Petrusamtes schon in Eigentum übergehen sahen, werden bereits jetzt daran erinnert, dass es einen Unterschied zwischen dem Christentum und dem kulturellen Erbe Europas gibt. Mit dem neuen Pontifikat nimmt ein Lernprozess seinen Anfang, der für europäische Christen nicht ohne Zumutungen sein wird.“ [S. 288]

Das ist keine bedrohliche Entwicklung. Eher eine interessante Herausforderung. Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus nach Joh 8 in einer Diskussion mit Menschen, die ihre Glaubensposition kompromisslos vertreten wollen. Jesus sagt nicht, dass es einfach, immer angenehm und problemlos ist, sich der Wahrheit zu stellen bzw. sich immer wieder neu auf die Suche nach der Wahrheit zu machen.

„Die Entkoppelung des Papsttums von einem europäischen Blick auf Gott und Welt ist… theologisch unproblematisch. Vom galiläischen Fischer bis zum Jesuiten aus Buenos Aires – die Universalität des Petrusamtes wird durch wechselnde kulturelle Horizonte der jeweiligen Amtsträger nicht beeinträchtigt, sondern verdeutlicht.“ [S. 292]

Wer sich gerne auf Traditionen beruft, sollte wenigstens gewisse geschichtliche Grundkenntnisse mitbringen (oder sich erarbeiten), bevor er manche – scheinbar neuen – Entwicklungen oder Vorgehensweisen verurteilt. Ich bin gespannt, wohin wir uns als Kirche mit Franziskus bewegen werden. Ich hoffe, dass der fast zweitausendjährige Erfahrungsreichtum der Kirche breiter gewürdigt werden wird als bisher, damit sowohl der galiläische Fischer als auch der Jesuit aus Buenos Aires ihre Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen können.

„Europäische Katholiken werden Zeit brauchen, um sich nach dem großen Europäer Benedikt XVI. an die neue Gestalt des Papsttums zu gewäöhnen. Dennoch kann dieser Prozess auch heilsam sein. Die Globalisierung des Papsttums bietet die Chance, die Überlieferung des christlichen Glaubens vom kulturellen Kontext Europas deutlicher zu unterscheiden.“ [S. 293]

Danke an den Hinweis auf den Artikel von Christina Stoll im Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK).

Kirchliches, Texte Beitrag drucken

Den Aufbruch wagen

14. März 2013

Den Aufbruch wagen – Wie kann sich die katholische Kirche reformieren?

So nennt Hubert Wolf, Kirchengeschichtler aus Münster, seinen zweiteiligen Vortrag in der Reihe SWR Wissen: Aula. Er stellt dar, wie sich die Rolle der Kirchengeschichte innerhalb der Theologie durch die Beschlüsse des 1. Vatikanischen Konzils geändert hat. Danach zeigt er sehr interessante Beispiel für die Vielfalt dessen auf, was innerhalb der katholischen Kirche schon alles möglich war und im Lauf der Jahr(hundert)e vergessen oder verdrängt wurde.

Wer an der reichen Vielfalt katholischer Traditionen interessiert ist und sich an ideologischen Verengungen auf das (angeblich) einzig wahre Katholische stört, dem seinen die Vorträge empfohlen, die es als Audio-Dateien (Teil 1, Teil 2) zum Download gibt. Wer es lieber Schwarz auf Weiß hat, kann sich beim SWR die Manuskripte als PDF-Dateien herunterladen (Teil 1Teil 2).

Arbeitshilfe, Kirchliches, Texte Beitrag drucken

Wir brauchen…

5. März 2013

Wir brauchen:

Weniger Frömmelei, aber mehr Frömmigkeit,
weniger Andachten, aber mehr Andacht,
weniger Erscheinungen, aber mehr Erleuchtung,
weniger Weissagungen, aber mehr Weisheit,
weniger Gründungen, aber mehr Gründlichkeit,
weniger Kirchlichtun, aber mehr Christentum.

Aus Briefen von P. Odilo Rottmanner (1841-1907), Zettelsammlung von Marie Gräfin Waldburg-Wurzach. Zitiert nach Claus Arnold, Katholische Milieus in Oberschwaben um 1900, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 21 (2002), Stuttgart 2002, 219-239.235.

Kirchliches Beitrag drucken

Kirchliche Kommunikation

24. Februar 2013

Nein, kein Satirebeitrag. Nein, keine ‚Pleiten-Pech-und-Pannen-Show‘.  Auch keine Wunschliste für den alten oder den neuen Papst.

Es handelt sich vielmehr um einen Lektürehinweis: Eine sehr lesenswerte Diplomarbeit hat Andrea Mayer-Edoloeyi ins Netz gestellt. Kostenlos, CC-Lizenz, downloadbar. Der Titel lautet: Digital Natives und kirchliche Kommunikation. Netzinkulturation als Pastoral in einer medial vermittelten Lebenswelt.

Wer schon einiges zum Thema Kirche und Internet weiß, wird hier ebenso fündig, wie ein digitales Greenhorn. Gut strukturiert, mit leser_innenfreundlichen Zwischenergebnissen, nicht zu knapp, nicht zu lang – einfach gut.

Hier ist die Website mit der Arbeit zum online-Lesen oder Downloaden: http://andreame.at/diplomarbeit.

Mir persönlich haben die Kapitel 3.3 Das Social Web als Ort lebensbedeutsamer Kommunikation (S. 71-.79) und das Kapitel 5 Eine Pastoral der Passung in Zeiten des Social Web (S. 102-113) am besten gefallen.

Sehr zutreffend fand ich auch die Aussagen im Abschnitt 3.2.3.2 (S. 70f). Für die dort Angesprochenen gilt: Auf keinen Fall diese Arbeit lesen, denn sie enthält nur neun Mal das Wort Papst. Die Begriffe Jungfrau, Jungfräulichkeit und Zölibat fehlen völlig 😉

Aber wer an einer zukunftsfähigen Verkündigung der Botschaft Jesu interessiert ist, wird eine Reihe von nachdenkenswerten Anregungen und Möglichkeiten finden.

 

Kirchliches, Medien, Texte Beitrag drucken

Medien, Missbrauch und die Perspektivität der Wahrnehmung

12. Januar 2013

Ich kenne Herrn Kopp nicht persönlich. Er ist Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Am Mittwoch hat er versucht, die Gründe für die Kündigung des Vertrags mit Herrn Pfeiffer zu erläutern. Hier ist der Link zu seinen Statements.

Mein völlig persönlicher, unmaßgeblicher und subjektiv geprägter Eindruck: Er wirkt bis auf wenige Momente kalt, distanziert und völlig unsensibel. Was er sagt, überzeugt mich nicht, bleibt im Allgemeinen und wiederholt sich. Damit wurde der bereits bestehende Schaden noch vergrößert. Und ich bin katholisch, ich bin es gerne und will bei meiner Kirche sein, auch wenn manches daran so ist, dass es der Sau graust, wie man im Süden so schön sagt.

Warum geht das nicht anders? Ehrlicher? Aufrichtiger? Sachlicher?

Gerade habe ich einen Artikel zur Missbrauchsstudie von Eckhard Bieger gelesen, der um Klassen besser ist (hier ist der Link zum Artikel). So stelle ich mir Berichterstattung oder Statements zu kritischen Themen vor. Und da sieht das Ganze schon etwas anders aus. Diese Aussagen wirken auf mich wesentlich glaubwürdiger.

Die ‚bösen Medien‘ sind nicht das Problem. Only bad news are good news, das wussten schon die alten Römer. Problematisch ist ein blauäugiger Umgang mit den Medien.

Die Berichterstattung zur Studie zu sexuellen Übergriffen durch katholische Geistliche lief ganz ähnlich. In den Schlagzeilen stand als Ergebnis der Studie (sinngemäß), dass sexueller Missbrauch von Kindern sich im Bereich der ’normalen‘ Sexualität bewegen würde. Und jeder (anders normale) denkt sich „Hallo!!! Sonst ist alles in Ordnung bei euch???“

Das Interview mit Herrn Leygraf, der die Studie gemach hat, liest sich aber völlig anders (hier der Link dazu). Aber das geht unter. Wenn ich weiß, dass ich totsicher mit jedem Dreck beworfen werde, den es gibt, sobald ich in den Medien erscheine, muss ich ungeheuer vorsichtig und vorausschauend reden, schreiben, veröffentlichen.

Ich habe mir die Kommentierungen zur Berichterstattung über Pfeiffer vs. DBK auf der Tagesschau-Seite durchgelesen. Nach zehn, zwanzig Kommentaren habe ich aufgehört. Es war unerträglich.

Für mich steht die Botschaft im Mittelpunkt, die dieser Jesus vor längerer Zeit versucht hat, uns Menschen vorzuleben. Darüber möchte ich gerne mehr lesen, darüber möchte ich diskutieren. Die finde ich faszinierend.

Nicht Vertuschung, Missbrauch, Eitelkeiten, Angst vor rechtlichen Konsequenzen, Supersensibilität gegenüber den armen Priestern (muss-man-doch-verstehen, wir-sind-doch-alle-kleine-sünder, momentane-überforderung-in-einer-persönlichen-krisenstiuation…) bei gleichzeitiger Kaltschnäuzigkeit gegenüber den wirklichen Opfern, einem Festkrallen an überkommenen Strukturen, die Scheinsicherheiten vermitteln. Ach was soll’s. Es ist manchmal unheimlich frustrierend.

Mit meinem Gott springe ich über Mauern und Wälle (vgl. Ps 18,30). Auch die eigenen, katholischen 😉

 

Kirchliches, Medien Beitrag drucken

Auf dem Laufenden bleiben mit katholisch.de

3. November 2012

Ein bis zwei Mal pro Jahr putze ich meine RSS-Feeds aus. Heute war es mal wieder so weit. Wer schon lange nichts mehr gepostet hat, fliegt raus.

Zu meiner Überraschung war der letzte Post von katholisch.de von Ende September. Ah, war da nicht der Relaunch der Seite? Also bin ich direkt auf katholisch.de gegangen. Das Layout finde ich absolut ätzend. So eine Seite will ich mir nicht lange anschauen. Hmm, wo könnte der RSS-Feed sein? Nach einigem Hin-und Her-Gescrolle finde ich nichts. Auch im Footer nichts. Na gut, dann eben per Suche-Feld. Und das Ergebnis?

Ihre Suche nach „RSS“ ergab keine Treffer.

Sieht so ein zeitgemäßes Medienangebot aus? Und dazu den Werbespruch ‚auf dem Laufenden bleiben‘? Doppel-Fail. Funktionalität und Optik der Seite waren vor dem Relaunch besser. Schade. Aber immerhin noch in Farbe und nicht in Schwarweiß.

Allgemein, Kirchliches, Medien Beitrag drucken

Dura Europos – was ist denn das?

23. Juni 2012

Es ist immer wieder hilfreich, wenn man als Lehrer auch die eigenen Arbeitsblätter und Texte gründlich liest, die man im Unterricht einsetzen möchte.

Mit meinen 11ern nehme ich gerade die Kircheneinheit durch,es geht demnächst um frühkirchliche Gemeindemodelle. Da gab es Gemeinden, die von Presbytern geleitet wurden. Andere waren nach hellenistischem Vorbild mit einem Episkopos, also einem Bischof ausgestattet. Und wieder andere waren christliche Hausgemeinden. Und im Text zu diesen Hausgemeinden steht:

Auf Fundamenten von Privathäusern wurden später die ersten ‚Hauskirchen‘, größere Versammlungsräume christlicher Gemeinschaften gebaut (z.B. in Kafarnaum, Dura Europos, u.a.)…

Was, dachte ich mir? Kafarnaum ist klar, aber Duro Europos? Was antworte ich, wenn ein Schüler fragt, wo das denn liegen soll? Also Wikipedia befragt. Interessant:

Dura Europos, auch Dura-Europos, arabisch Qal’at es-Salihiye; war eine griechische Stadt, die um 300 v. Chr., auf Anweisung von Seleukos I. (312280 v. Chr.), gegründet wurde. Ob es eine indigene Vorgängersiedlung gab, ist bislang nicht geklärt. Dura Europos liegt im heutigen Syrien am Euphrat, kurz vor der Grenze zum Irak. Der Ort war zunächst eine griechische Siedlung im Seleukidenreich und dann vor allem in parthischer Zeit das administrative und wirtschaftliche Zentrum der Region.[1] Die Stadt gehörte spätestens seit den Severern als Grenzfestung zum Imperium Romanum, wurde 256/57 von den Sassaniden erobert und schwer zerstört und wohl 273 für immer verlassen. Die Ruinen sind deshalb gut erhalten; das trockene Wüstenklima bewahrte auch viele organische Materialien. Der Ort wird aus diesem Grund auch oft als das „Pompeii des Ostens“ bezeichnet.

Das ist ein kleiner Auszug aus dem Wikipedia-Artikel zu Dura Europos. Insgesamt war es mir aber zu wenig, ich war inzwischen neugierig geworden und wollte mehr wissen. Die englische Wikipedia hatte schließlich einen interessanten Link, den zur Yale University, genauer gesagt, zur Yale University Art Gallery, Unterseite Dura Europos. Dort gibt es sehr schön, anschaulich und anregend aufgemachte Seiten zu den Ausgrabungen, mit Plänen und Hintergrundinfos. Eine ganze Reihe Fotos aus längst vergangenen Ausgrabungstagen finde ich besonders schön.

Bei Google Maps kann man sich die heutige Sicht anschauen. Na ja, wenigstens eine Aufnahme, die aus diesem Jahrhundert stammt. Wenn die Situation in Syrien sich weiterhin so negativ entwickelt, wird vielleicht sowieso bald alles völlig zerstört sein…

Zurück zur Hauskirche: die findet man auf den Yale-Seiten auch. Aber die Yale-Leute haben sich nicht mit schönen Grundrissen und Querschnittszeichnungen begnügt. Es gibt auch eine virtuelle Tour durch die Hauskirche, soweit man sie rekonstruieren konnte. Dazu wird ein Plugin benötigt, das bei meinem Firefox erst nachgeladen werden musste, Opera hatte das Teil schon an Bord.

Manchmal macht es wirklich Spaß, sich in so etwas völlig zu verlieren und immer wieder noch etwas Interessantes zu entdecken. Wie früher mit dem 24bändigen Lexikon…

Wer mehr zu frühkirchlichen Gemeindemodellen oder der Situation der ersten christlichen Gemeinden wissen möchte, kann sich z.B. hier, hier oder hier weitere Informationen anlesen.

Ich weiß, welche Schüler interessieren sich schon für so etwas, sagen nun vielleicht manche. Weiß ich nicht, ich mache das auch für mich, denn ich finde es interessant.

Ein guter Lehrer lernt durch seinen und in seinem eigenen Unterricht immer mehr als die Schüler 😉

Kirchliches, Theologisches Beitrag drucken

Neuevangelisierung – aus Österreich

15. Mai 2012

Die österreichischen Bischöfe haben vor kurzem einen Text zur Neuevangelisierung veröffentlicht. Da Anfang Juni ein ‚Bloggertreffen‘ in Freiburg zu diesem Thema stattfindet, habe ich mir den Text heruntergeladen (gibt es als PDF hier) und durchgelesen.

Wie lautet die alte Sandwich-Regel beim Feedback: Gut – schlecht – gut 😉

Offizielle Dokumente von Kirchens sind ja nicht unbedingt immer und alle sooo spannend und interessant formuliert. (Mir zu) oft wird eine Sondersprache gesprochen, die mit dem Idiom von Menschen, die mir in der Schule oder an anderen Stellen des Real Life begegnen, nur sehr überschaubare Schnittmengen aufweist.

Das österreichische Papier finde ich – für ein offizielles Dokument – sehr lesbar und worthülsenarm (wenn auch nicht -frei) formuliert.

Sehr gut gefällt mir der erste, grundsätzliche Teil, der – so finde ich – eine ziemlich realistische Situations- und Zielbeschreibung bietet. Dort steht z.B.

Kirche ist da, um zu Jesus Christus zu führen, um seine Frohe Botschaft zu verkünden… Sie selbst ist Werkzeug und Zeichen, aber nicht Selbstzweck. [2.1]

Das ist natürlich nichts Neues, aber manchmal scheint es mir etwas zu kurz zu kommen 😉

Was wir verkünden, müssen wir auch leben. Es geht um ein Bezeugen der Liebe Gottes. Das beeinhaltet Aufmerksamkeit und Sensibilität für die gegebenen Umstände, für die konkreten Menschen, für die jeweilige Situation, für aktuelle Erfordernisse. In ihnen spricht Gott zu uns. [2.2]

Das ist für mich Jesus-Nachfolge. Das ist das Kerngeschäft des Christentums.

Eine individualisierte Gesellschaft erwartet ein möglichst individuelles Eingehen auf den Einzelnen, auf seine Situation, auf seine Biographie, die oft nicht mehr so geradlinig ist, wie man es vielleicht in früheren Zeiten gewohnt war. Eine pluralistische Gesellschaft erfordert eine Pluralität in der Verkündigung… [4.2]

Ja, sehe ich auch so. Deswegen finde ich ‚Weltkatechismen‘ und ähnliche Teile auch immer etwas schwierig…

Gefordert wird,

…eine Sprache zu entwickeln, die auf die Erfahrungswelt der Menschen von heute eingeht und zugleich der christlichen Botschaft treu bleibt. [4.2]

Das ist aus meiner Sicht nur sehr selten der Fall. Die Folge:

Die ‚klassischen‘ Orte und Gelegenheiten der Verkündigung verlieren an Bedeutung, kirchliche Orte und Angebote werden weniger gesucht, religiöse Gewohnheiten weniger gepflegt. Was man früher nur zu veranstalten brauchte, muss man heute intensiv bewerben und fördern. [4.4]

Dann kommt die Sache mit dem Dialog:

Menschen sind gewohnt, gefragt zu werden und mitzureden. Sie haben Ansichten, Meinungen, Fragen, Zweifel – und artikulieren diese oft sehr direkt. Es ist wichtig, dem Raum zu geben, den Dialog zu suchen – sowohl bei außerkirchlichen wie innerkirchlichen Fragen -, wertschätzend, klar und profiliert. [4.5]

Wertschätzend… Denk ich an München oder Augsburg in der Nacht…

Wichtig ist einerseits, entsprechend dem, was die Kirche sagt, argumentativ auskunftsfähig zu sein, andererseits die tatsächliche Gewichtigkeit von Einzelfragen im Gesamt des Glaubens einordnen zu können; d.h. Differenzen zu benennen, aber nicht überzubewerten, wenn es darüber hinaus viel Gemeinsames gibt, das man mehr betonen sollte. [4.6]

1 Petr 3,15 und die Hierarchie der Wahrheiten; beides ist wichtig, wenn ich einen wirklichen Dialog führen möchte.

Leider nur selten zu hören, aber von großer Bedeutung finde ich auch die Analyse der innerkirchlichen Widersprüche:

Zu allen Zeiten bilden Christen selbst Hindernisse für die Verkündigung: wenn ihr Leben dem Glauben widerspricht, wenn sie selbst unsicher und kleingläubig sind, wenn sie (im Übereifer) im Streben nach einem ‚Erfolg‘ andere instrumentalisieren, wenn sie die eigene Beziehung zu Gott vernachlässigen, wenn sie sich dem Frust hingeben, wenn sie miteinander streiten, wenn sie kleinlich und skrupulös sind… –  All das sind Formen von Sünde, die von Gott trennen, die dem Evangelium und dem Vorbild Christi widersprechen und die Verkündigung behindern. Hier ist Ehrlichkeit, Umkehr, Neuorientierung aus den Quellen des Glaubens notwendig. [4.9]

Ich will ja hier nicht das ganze Dokument abschreiben, deshalb verweise ich hier nur auf die Abschnitte 5, 6 und 7, die ich für die besten Teile des Dokuments halte. Da geht es nicht um ‚Wir‘ gegen ‚die Anderen‘, sondern um zentrale Grundeinstellungen und -haltungen, ohne die keine Zukunft möglich ist.

Weniger gelungen finde ich den zweiten, ‚praktischen‘ Teil. Hier wird deutlich, woher das Dokument stammt 🙂

Es werden ‚Zielgruppen‘ beschreiben, die stark ‚klassisches katholisches Milieu‘ abbilden, aber nicht aktuelle gesellschaftliche Untersuchungen (etwa die Sinus-Studie). Dann folgen ‚Anknüpfungspunkte‘: ‚Alltag‘, ‚Tätige Nächstenliebe‘, ‚Pfarre‘, ‚Seelsorgeräume – Pfarrverbände’… ‚Wallfahrten und Pilgerwege‘, ‚Volksfrömmigkeit‘, … ach ja, und da kommt etwas, das heißt ‚Schule‘:

Hier begegnen einander gläubige und ungläubige, zweifelnde und suchende, pragmatische und desinteressierte Schüler/innen. Wie kann man aus dieser Situation das Beste machen? [9.11]

Leider wird die Frage nicht wirklich weiter verfolgt, denn es geht weiter, zu wichtigeren Anknüpfungspunkten, wie ‚Ausbildungsorte‘,… ‚Präsenz‘ [??? War Präsenz vorher nicht erforderlich?]…

Trotz des schwachen ‚praktischen Teils‘ gefällt mir der Ansatz des Dokuments sehr gut. Die katholische Kirche ist von der Beweglichkeit her ja kein Jet-Boot, sondern eher ein sehr großer Öltanker. Dieses Dokument steuert in Richtung Zukunft 🙂

Tipp: Selber lesen, dann an die eigene Nase fassen (wo muss ich zunächst bei mir selbst anfangen) und dann in den Dialog einsteigen:

… freundlich, argumentierend; dialogisch, nicht ‚von oben herab‘; motivierend, nicht vereinnahmend; begleitend, nicht beherrschend. [7.4]

Arbeitshilfe, Kirchliches, Spiritualität, Texte, Theologisches Beitrag drucken

Liturgische Formeln ändern? Entwarnung.

2. Mai 2012

Ist das nun ein Thema, das eher für viele oder für alle interessant sein könnte?

Wenn ich eingefahrene gewohnte vertraute liebgewonnene Formulierungen ändern möchte, die seit Jahrzehnten ihren Platz im Gottesdienst haben, sollte ich dafür sehr gute Gründe benennen können. Mir hat der Papst ja keinen Brief geschickt, aber ich habe in den Brief an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz gespickt.

Da mir die dort üblichen Sprachspiele nicht hinreichend vertraut sind, gelang es mir nicht wirklich zu verstehen, was jetzt warum geändert werden soll, wenn doch eigentlich gar nichts anders gemeint sei und irgendwie alles doch beim Alten bleiben solle…

Verstanden habe ich dagegen das mit dem dringendsten Aufruf des Papstes. Eine Katechese soll nun entwickelt werden – für die Priester:

Die Absicht meines Briefes ist es, Euch alle, liebe Mitbrüder, dringendst darum zu bitten, eine solche Katechese jetzt zu erarbeiten, um sie dann mit den Priestern zu besprechen und zugleich den Gläubigen zugänglich zu machen.

Bischof bin ich nicht, Priester bin ich auch nicht, geht mich das also auch nichts an?

Im Brief an die DBK vermisse ich eine gewisse Stringenz der Argumentation. Vielleicht ist Rumgeeiere nicht der passende Ausdruck, aber die Klarheit der Struktur konnte ich nicht richtig erfassen. Hat das keiner nochmal auf Verständlichkeit durchgelesen? Oder war das derselbe, der auch die Entweltlichungs-Rede verfasst hat?

Laien wie ich freuen sich dann um so mehr, wenn sie auf einen Beitrag wie pro multis von Gerd Häfner stoßen (hier). Ob der Papst so etwas mit der Katechese gemeint hat? Mir erscheint hier gut und verständlich erläutert, was ich auf Grundlage der neutestamentlichen Formulierungen ableiten kann – und was nicht. Der Beitrag richtet sich auch nicht gegen den Brief des Papstes, sondern versucht die Begründungen im Papstbrief aus neutestamentlicher Sicht zu ergänzen.

Jetzt kommt die gute Nachricht: Das Ganze (die Änderung liturgischer Formeln) findet gar nicht statt. Wirklich. Der Papst schreibt in seinem Brief ja selbst:

Wir wissen alle durch die Erfahrung der letzten 50 Jahre, wie tief die Veränderung liturgischer Formen und Texte die Menschen in die Seele trifft; wie sehr muss da eine Veränderung des Textes an einem so zentralen Punkt die Menschen beunruhigen. Weil es so ist, wurde damals, als gemäß der Differenz zwischen Übersetzung und Auslegung für die Übersetzung „viele“ entschieden wurde, zugleich festgelegt, dass dieser Übersetzung in den einzelnen Sprachräumen eine gründliche Katechese vorangehen müsse, in der die Bischöfe ihren Priestern wie durch sie ihren Gläubigen konkret verständlich machen müssten, worum es geht. Das Vorausgehen der Katechese ist die Grundbedingung für das Inkrafttreten der Neuübersetzung.

Die Hervorhebungen lassen klar werden, dass das eine Ausschlussformel ist.

Konkret verständlich machen 🙂 Nette Formulierung. Der Papst kann es selbst nicht so formulieren, dass es konkret verständlich wird. Dann schiebt er es auf die Bischöfe ab. Hallo? Welcher katholische Bischof kann etwas konkret verständlich machen, ohne nur Allgemeinplätze zu bedienen oder in geheimnisvolle Sprachhülsen auszuweichen? Bischof Wanke. Und…., ähhh, hmmm. Die anderen fallen mir nur gerade nicht ein. Und die Priester? Die bekommen von oben und unten Druck. Von unten die Unzufriedenheit und von oben die dringendstkonkretverständlichmachen-Aufforderung.

Gibt es gerade katholischerseits wirklich keine dringenderen Probleme?

Verbraucherhinweis: Dieser Beitrag kann Spuren von Haselnüssen, Sesam, Ironie und anderen Stoffen enthalten, auf die empfindliche Personen allergisch reagieren können. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie ihren Hausarzt oder fragen Sie die Packungsbeilage 😉

Kleiner Nachtrag: Lesenswert zu diesem Thema ist ein weiterer Beitrag von Gerd Häfner.

Allgemein, Kirchliches Beitrag drucken

…und der Papst ist schuld!

22. März 2012

So lautet der Titel eines unbedingt lesenswerten Artikels von Josef Bordat, den er in der Sende-Zeit veröffentlicht hat. Den ersten Teil gibt es hier, den zweiten Teil hier, den vollständigen Artikel zum Download als pdf (11 Seiten, die sich lohnen) gibt es hier.

Worum geht es? Lassen wir den Autor selbst zu Wort kommen:

Wer kennt das nicht: In den Kommentaren zu Presseberichten, in Blogs, Foren oder in sozialen Gemeinschaften wie Facebook tauchen – oft aus heiterem Himmel – kirchenkritische Positionen auf, die, bei Lichte betrachtet, den Boden einer Kritik (also: einer wohlbegründeten Unterscheidung; das griechische Wort κρίνειν heißt „scheiden“, „trennen“) längst verlassen haben und in sehr feindseliger, oft aggressiver und dumm-dreister (offenbar als „provokant“ oder gar „mutig“ empfundener) Weise Dinge über die Kirche, die Katholiken oder den Papst behaupten, die – wenn sie denn stimmten – in der Tat eine sachliche oder gar wohlwollende Auseinandersetzung erschwerten.

Wer sich als Katholik im Netz bewegt, wird diese Erfahrung schon mehr als einmal gemacht haben. Wobei ich die aggressive und dumm-dreiste Weise der Kirchenkritik sowohl aus der Ecke erlebt habe, die sich für aufgeklärt, humanistisch und vernünftig hält, als auch aus der Ecke, die sich für den heiligen Rest hält, der die angeblich wahre Kirche vertritt. Erinnert sei auch an die unsägliche Äußerung zu ‚theologischen Zwergen‘ aus dem Mund eines immerhin habilitierten Theologen.

Ich habe auch schon auf so etwas reagiert (durch Kommentare oder den Versuch einer sachlichen Kritik). Meine Erfahrungen decken sich mit dem von Josef Bordat beschriebenen Diskussionsverlauf:

Der Hass steigert sich erst stakkatoartig, meist über Schlüsselbegriffe (menschenverachtend, frauenfeindlich, Hexen, Kreuzzüge, Zölibat etc.), bis zur größtmöglichen Pauschal-Groteske (Alle, die heute zur Kirche gehören, sind „verantwortlich“ für das, was vor 60 oder 500 oder 900 Jahren geschah, machen sich also „mitschuldig“).

Wer mehr vom selben Autor lesen möchte, sei auf Jobo 72’s Weblog verwiesen. Hier schreibt Josef Bordat mal kurz und knapp, mal sehr ausführlich, aber meistens interessant. Im heutigen Beitrag – Quod erat demonstrandum – liefert er Anschauungsmaterial für seine Aussagen aus Kommentaren bei tagesschau.de.

PS: Sende-Zeit ist der Blog der Medienpastoral im Erzbistum Freiburg, nicht der der Mediathek Freiburg. Da beide Einrichtungen aber eng miteinander verknüpft sind, sei mir die in früheren Beiträgen erfolgte ungenaue Bezeichnung nachgesehen 😉

Allgemein, Kirchliches, Medien, Texte Beitrag drucken