Kannitverstan

Fachsprache: Jede Fachwissenschaft zeichnet sich dadurch aus und grenzt sich gegen andere Wissenschaften ab. Tja. Leider soll ich als Religionslehrer nun in verständliche Sprache (bzw. verdauliche Kost) übersetzen, was da alles so an theologischen Brühwürfeln unterwegs ist.

Ich bereite gerade eine Doppelstunde für 13er vor. Es geht um ‘Gerechtigkeit im Reich Gottes’. Schön. Was ist das Reich Gottes? Ich hätte gerne einen knappen, verständlichen und inhaltlich korrekten Text als erste Orientierung für meine Schüler. Das, was ich bisher habe, genügt mir nicht. Nach (zu) langer Suche habe ich im ‘Grundwissen Religion‘ von Kaldewey und Niehl die brauchbarste Vorlage gefunden.

Aber selbst dort sind solche Sätze zu finden:

Als Überbietungsgeschichten zeigen Gleichnisse also, woran es im Leben fehlt. Damit bieten die Gleichnisse aber keinesfalls eine Definition der Herrschaft Gottes; sie legen nicht fest, was erlöstes Leben ist…

Überbietungsgeschichten. Was werden sich meine 13er wohl darunter vorstellen? Bei Google gibt es 28 (!) Treffer zu Überbietungsgeschichten. Die führen dann z.T. zu solchen Stellen:

Führt Barbara Vinken die Trias der Bovary-Forschung zusammen, so widmet sich Manfred Schneider der Trias der “ästhetische[n] Medien” Literatur, Musik und bildender Kunst, die er durch eine “radikale Fraktion der Moderne” reorganisiert sieht. Sie schließe zum einen an “die ästhetischen und sezzesionistischen Revolten” des Fin de Siécle an, gehe aber zum anderen auch auf Grundsätze zurück, die von der Historie der “ikonoklastischen Dogmatik” zur Verfügung gestellt werden. Sein Ansatz führt ihn zu dem Schluss, dass sich “alle radikalen Kunsttendenzen der Moderne” als “Reduzierung” beschreiben lassen, die paradoxer Weise durch “gewalttätige Überbietung” erreicht werden. Denn die radikale Moderne sei “von dem teleologischen Eifer durchdrungen”, “sich selbst als Ende oder Ziel einer Überbietungsgeschichte auszurufen”. In dieser Hinsicht, so stellt Schneider zu Recht fest, sei Immanuel Kant der “theoretische Ahnherr” der Moderne. Zwischen Kants Tod 1804 und dem von Schneider untersuchten Zeitraum liegt nun allerdings ein ganzes Jahrhundert. So scheint dem Autor entgangen zu sein, dass nicht erst die “ikonoklastische Moderne” die “Überbietung aller Überbietungen” betrieb, “indem sie mit sich selbst die Überbietungsgeschichte schließt”, sondern zwischenzeitlich etwa auch schon Hegel, der den Weltgeist in seiner Philosophie zu sich selbst gekommen sah, oder Marx, der die Philosophie in ihre Verwirklichung zum guten Ende und somit die Weltgeschichte zum Stillstand brachte. [Quelle]

Alles klar? Das Interesse für Religion wird nach meiner Wahrnehmung nicht wesentlich dadurch gesteigert, dass ich eine Sprache verwende, die im Alltag völlig untauglich ist. Das soll keine Kritik an den meist sehr gut formulierten Texten des Buchs von Kaldewey und Niehl sein. Was dort die Ausnahme ist, stellt in vielen anderen Büchern zu religiösen Themen die Regel dar. Das ist das Problem.

Es ist unerträglich arrogant, wenn die Botschaft von Gott sprachlich so verpackt wird, dass sie niemand mehr auspackt, wenn die Verpackung so abschreckend ist, dass jedes Interesse erlischt.

Wie hat Jesus wohl erreicht, dass einfache Fischer und Handwerker seine Botschaft verstehen, sich von ihr ansprechen lassen und ihr Leben völlig umkrempeln?

Habe nur ich dieses Problem? Wenn ich jemanden für etwas interessieren möchte, muss ich dessen Sprache nicht nur verstehen, sondern meine Botschaft auch in seiner Sprache ausdrücken können.

Es geht auch andersrum:

Jesus selbst hat gegenüber seinen Mitmenschen häufig vom Reich Gottes gesprochen und dadurch an die alttestamentliche Tradition angeknüpft. Damit hat er ein Hoffnungsbild von einer neuen Welt Gottes entfaltet, die nach der Botschaft des Neuen Testaments mit ihm selbst angebrochen ist. In Jesu Gleichnissen, seinen Wundern und auch den Maßstäben der Bergpredigt bekommt diese etwas abgehobene Formulierung konkretere Züge. Jesus kündigt den Menschen dieses Reich als Geschenk Gottes an, fordert sie aer zugleich auf, in ihrer Lebenshaltung die Anname der neuen Gegenwart Gottes vorzubereiten.

Das ist aus dem aktuellen Religionsbuch für die 7./8. Klasse (Mittendrin 2), der Artikel ‘Reich Gottes’ aus dem Lexikonteil. So what? Welche Information können Schüler diesem Text entnehmen? Gut gemeint, vereinfacht, aber der Inhalt? Wie stellt sich ein Siebtklässler das Entfalten von  Hoffnungsbildern vor? Religiöses Origami? Von konkreteren Zügen ist die Rede, der Artikel enthält aber keine konkreten Aussagen über Inhalte der Reich-Gottes-Botschaft Jesu.

Wie der geneigte  Leser sicher merkt, nagt große Unzufriedenheit an der Seelenruhe des Verfassers dieser Zeilen. Es ist für mich aber nicht nur ein momentaner Frust – draußen ist das tollste Herbstwetter und ich muss Stunden vorbereiten-, sondern eine grundsätzliche Frage. Wenn es uns nicht gelingt, die Kernaussagen unseres Glaubens verständlich zu formulieren, wenn wir die theologischen Worthülsen nicht mit Inhalten füllen können, in denen unsere Gesprächspartner ihre Lebenssituation wiederfinden, dann lösen wir unsere Daseinsgrundlage selber auf.

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