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Globalisierung des Papsttums

Es gibt einige Brüder und Schwestern im Herrn, denen Benedikt XVI. ungeheuer gut getan hat. Er vertrat Positionen, die ihnen wichtig sind, er vertrat ‚ihre Kirche‘ in der Öffentlichkeit so, wie sie es für angemessen halten.

Und dann kam Franziskus. Erst kurzer Jubel, inzwischen eher Irritationen, z.T. auch Beiträge, die aus meiner Sicht völlig daneben und ziemlich unlustig sind. Der Papst – so mein Eindruck – ist für diese Art von Katholiken ungeheuer wichtig, toll, sakrosankt – solange er die eigenen Positionen vertritt. Macht er das, ist die Welt in Ordnung und alle anderen, die an der Position des Papstes auch nur ein bisschen rummachen, sind des Teufels, keine echten Katholiken ‚und überhaupt!‘ (die Komplexität der Argumentation ist meistens recht überschaubar).

Aber WEHE! Wehe der Papst trägt nicht irgendeinen Stofffummel, wenn er auf einen Balkon tritt. Und wehe er nimmt Rücksicht auf seine Gesundheit und kniet einmal zu wenig. Wenn so etwas mehrfach auftritt, dann kippt die blinde Papstverehrung (B16) schnell in sehr kritische, spitze oder auch trotzig-pampige Beiträge in den einschlägigen Blogs und Plattformen.

Interessante Reflexionen zu diesem Verhalten bietet ein sehr lesenswerter Beitrag von Christian Stoll in der IKaZ (Internationale Katholische Zeitschrift Communio): Abschied von Europa. Anmerkungen zur Globalisierung des Paptsttums, IKaZ 42 (2013), 287-293. Er ist als PDF-Datei offen verfügbar und kann hier heruntergeladen werden.

„Die ersten Gesten und Äußerungen des Papstes aus der ’neuen Welt‘ deuten… darauf hin, dass Franziskus das Selbstverständnis eines europazentrierten Christentums infrage stellen wird. Europäer, die ihre jahrhundertelange Pracht des Petrusamtes schon in Eigentum übergehen sahen, werden bereits jetzt daran erinnert, dass es einen Unterschied zwischen dem Christentum und dem kulturellen Erbe Europas gibt. Mit dem neuen Pontifikat nimmt ein Lernprozess seinen Anfang, der für europäische Christen nicht ohne Zumutungen sein wird.“ [S. 288]

Das ist keine bedrohliche Entwicklung. Eher eine interessante Herausforderung. Die Wahrheit wird euch frei machen, sagt Jesus nach Joh 8 in einer Diskussion mit Menschen, die ihre Glaubensposition kompromisslos vertreten wollen. Jesus sagt nicht, dass es einfach, immer angenehm und problemlos ist, sich der Wahrheit zu stellen bzw. sich immer wieder neu auf die Suche nach der Wahrheit zu machen.

„Die Entkoppelung des Papsttums von einem europäischen Blick auf Gott und Welt ist… theologisch unproblematisch. Vom galiläischen Fischer bis zum Jesuiten aus Buenos Aires – die Universalität des Petrusamtes wird durch wechselnde kulturelle Horizonte der jeweiligen Amtsträger nicht beeinträchtigt, sondern verdeutlicht.“ [S. 292]

Wer sich gerne auf Traditionen beruft, sollte wenigstens gewisse geschichtliche Grundkenntnisse mitbringen (oder sich erarbeiten), bevor er manche – scheinbar neuen – Entwicklungen oder Vorgehensweisen verurteilt. Ich bin gespannt, wohin wir uns als Kirche mit Franziskus bewegen werden. Ich hoffe, dass der fast zweitausendjährige Erfahrungsreichtum der Kirche breiter gewürdigt werden wird als bisher, damit sowohl der galiläische Fischer als auch der Jesuit aus Buenos Aires ihre Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen können.

„Europäische Katholiken werden Zeit brauchen, um sich nach dem großen Europäer Benedikt XVI. an die neue Gestalt des Papsttums zu gewäöhnen. Dennoch kann dieser Prozess auch heilsam sein. Die Globalisierung des Papsttums bietet die Chance, die Überlieferung des christlichen Glaubens vom kulturellen Kontext Europas deutlicher zu unterscheiden.“ [S. 293]

Danke an den Hinweis auf den Artikel von Christina Stoll im Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK).

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